Navigation

Samstag, 24. Februar 2007

Panorama-Redaktion versagt auf ganzer Linie

Nachdem die Panorama-Redaktion offenbar von erbosten E-Mails überschwemmt wurde, wurde eine offizielle Stellungsnahme im Panorama-Forum abgegeben; leider steht dort nicht die Entschuldigung, die ich erwarte – immerhin wurden mit besagtem Bericht Spieler so genannter „Killerspiele“ als Nazis und Vergewaltiger diffamiert –, sondern nur noch mehr Unwahrheiten, Ausflüchte und Falschaussagen:

1. In unserem Beitrag geht es nicht darum, generell Computerspiele zu verunglimpfen oder ein generelles Verbot zu fordern. Es geht um die politische Verbotsdebatte sog. Killerspiele, die die »Jagd und das Töten von Menschen oder menschähnlichen Avantaren in besonders brutaler Form“ zum Inhalt haben.

Schon die Einleitung ist nichts anderes als eine dreiste Lüge: es ging der Panorama-Redaktion nicht darum, die Verbotsdebatte aufzuschlüsseln oder gar aufzuklären, sondern nur um Meinungsmache, Polemik und Hexenjagd. Der Titel der Sendung lautet nicht, wie die Einleitung vermuten lässt, „Die Killerspiel-Debatte“, sondern „Morden und Foltern als Freizeitspaß - Killerspiele im Internet“. Das erste Indiz in einer langen Reihe, dass hier mit unlauteren Methoden gekämpft werden wird. Weiter im Text: die Moderatorin ist erst gar nicht um Sachlichkeit bemüht, sondern stellt die Sendung in einem spöttischen Unterton vor, der zeigt, was sie von Killerspiel-Spielern hält: nämlich nichts. Ihre Einleitung endet mit einer besonders tückischen Gemeinheit: verschwörerisch erklärt sie sich solidarisch mit dem unbedarften Zuschauer, der keine Ahnung von Killerspielen hat und sich beim ersten Zuschauen doch fragen muss, warum diese Spiele nicht verboten sind. Suggestiver geht es nicht mehr - leider unterstes Niveau. Absolut enttäuschend.

2. In unserem Beitrag wurde auch über „Call of Duty“ berichtet. Wir haben im Text sehr deutlich gemacht, dass es sich dabei um die „Internet-Version“ handelt, in der sog. Clans gegeneinander antreten können. Auch die von uns befragten Spieler haben dabei geschildert, dass in dieser Online-Variante Rollen wie „Nazis, Amerikaner oder Russen“ gespielt werden können. In einem der von uns gezeigten Internet-Mitschnitte haben Amerikaner gegen Deutsche gekämpft. Dort kann auch die Version „Death Match“ gespielt werden, „möglichst viele Menschen zu töten“.

Einiges hier ist richtig, vieles jedoch erneut vollkommen falsch. Es ist richtig, dass sich Spieler in Clans zusammentun, um gemeinsam im Internet zu spielen - allerdings ist mir nicht klar, was hieran schlimm sein bzw. was es mit den Kritikpunkten zu tun haben soll; in der Sendung wird angeführt, dass mit dem Spiel „Call of Duty“ der Zweite Weltkrieg verharmlost würde; dies kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen und ernstnehmen. Fakt ist: „Call of Duty“ gehört nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen. Ohne Zweifel und unbestritten. Aber, nun der Schock: Kinder und Jugendliche dürfen dieses Spiel eh nicht spielen - denn es hat keine Jugendfreigabe gemäß § 14 Jugendschutzgesetz. Ob der Zweite Weltkrieg durch dieses Spiel nun wirklich verharmlost wird, das kann und will ich nicht beurteilen – so anmaßend bin ich nicht. Fakt ist: Charlie Chaplins Meisterwerk „Der große Diktator“ stellt Hitler als Witzfigur dar; ist dieser Film nun verharmlosend? Ist er verboten? Sollte er verboten werden? Natürlich nicht.
Auch der Film „Der Untergang“ zeigt Hitlers menschliche Seite, wofür er vor, während und nach Filmbeginn heftig kritisiert wurde – erschrocken fragte jeder, ob man das denn dürfe; natürlich darf man es. Verboten? Natürlich nicht.

Wahr ist, dass das Ziel von „Death Match“ ist, die andere Mannschaft durch das Töten ihrer Mitglieder zu besiegen; wahr ist aber auch, dass dies nur eine Spielmöglichkeit von vielen ist. Und nicht die einzige. Fakt ist auch, dass es bei einem „Death Match“-Spiel nicht um die reine Gewalt geht, sondern um Taktiken; dass dies auch das Töten des Gegners mit einschließt, ist sekundär. Es gibt Spiele wie „Manhunt“, in denen es nur darum geht, den Feind abzuschlachten; „Call of Duty“ gehört nicht dazu.

3. Wir haben im Bezug auf Call of Duty deutlich gesagt, dass man Zusatzmodifikationen wie Hakenkreuze oder SS-Runen über das Internet downloaden kann. Und zwar illegal! Das heißt, derartige Symbole sind in der deutschen Originalfassung des Herstellers nicht enthalten. In der amerikanischen oder britischen Variante hingegen sehr wohl.

Vollkommen korrekt. Die deutsche Version ist frei von verfassungsfeindlichen Symbolen. Warum also wurde die Möglichkeit, das Spiel so zu erweitern, überhaupt erwähnt? Dass das Spiel in den USA und in Großbritannien anders verkauft wird, soll uns nicht stören; im Bericht taucht das als erschwerender Faktor auf, der die Notwendigkeit eines Verbots unterstreichen soll. Nur leider ist das ganz und gat absurd: der Hersteller bzw. die deutschen Spieler dieses Spiels sollen unter der Tatsache leiden, dass man sich illegal verfassungsfeindliche Symbole runterladen kann - es mag ein Schock, erstaunlich und erschreckend für die Panorama-Macher sein, aber das geht auch ohne dieses „Killerspiel“. Wer diese Motive für sein persönliches Wohlbefinden braucht, findert derlei genug im Internet. Um Missverständnisse auszuschließen: ich finde es richtig und gut, dass nationalsozialistische Symbole in Deutschland verboten sind; ich finde es jedoch nicht gut, dass hier mit der großen Nazikeule Stimmung gemacht wird – wer kann hier noch vernünftig antworten, ohne gleich als Nazi-Sympathisant verschrien zu sein? Es war billig und unnötig, diese Möglichkeit zu erwähnen.

4. Call of Duty wird vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs gespielt. Niemand hat platt behauptet, dass User durch dieses Spiel zu Rechtsextremen würden. In unserem Beitrag sind zu Call of Duty zwei Positionen zu Wort gekommen. Der „Spieler“ macht deutlich, dass der politische Hintergrund für ihn keinerlei Bedeutung hat, und der Interviewpartner der Internetsicherheitsfirma hat seine Meinung zu Ausdruck gebracht, dass durch dieses Spiel der Zweite Weltkrieg verharmlost würde. Wir halten eine Diskussion darüber für absolut zulässig und angemessen, zumal beide Positionen gehört wurden.

„Familienväter, Schüler, Nazis.“ Muss ich mehr sagen? Wahrscheinlich schon, damit es klar und eindeutig ist: durch die besondere Form der Aufzählung soll Stimmung gemacht werden; ein einfaches Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen. Nach Familienvätern und Schülern erwartet man Lehrer, kleine Geschwister, niedliche Hunde und dergleichen - jedoch nicht das Schockwort Nazis. Hier wird deutlich gemacht, dass in den geschützten Raum der Familie böse Nazis eindringen – was absurd ist. Zur Erinnerung: dieses Spiel ist nicht für Jugendliche freigegeben. Es ist ein Spiel für Erwachsene, nicht für Kinder.

Zur Verharmlosung äußerte ich mich bereits – lächerlich.

5. Im Bezug auf GTA - San Andreas haben wir im Text deutlich daraufhingewiesen, dass die gezeigt Spielvariante nur illegal über das Internet mit Sex-Szenen erweitert werden kann. Zitat: „Was man nicht an der Ladentheke kaufen kann, kann man sich problemlos aus dem Internet herunterladen“. Auch die Zusatzpatches für gewaltsame sexuelle Handlungen sind problemlos herunterzuladen, auch wenn wir diese nicht im Detail gezeigt haben. Deutlich wird dadurch auch, dass die offizielle Handelsvariante diese Szenen nicht enthält.

Falsch. Dies wird ganz und gar nicht deutlich. Wüsste ich nicht durch das Lesen von diversen Internetforen Bescheid, ich wäre der Berichterstattung voll auf den Leim gegangen und hätte mich über dieses Spiel mehr als gewundert. Fakt ist: die offizielle deutsche Version von GTA enthält keine Vergewaltigungen und auch keine übertriebenen Blutszenen, wie im Bereicht gezeigt. Dies sind entweder US-amerikanische Versionen oder Modifikationen - irrelevant. Es geht hier um das Verbot von Spielen, die in Deutschland produziert werden. Also darf man nicht die Tatsache, dass das Spiel anderswo in einer anderen Form vertrieben wird bzw. (illegal) erweitert werden kann, als Maßstab heranziehen.

Zum Vergleich: wenn Kaugummis einer bestimmten Marke in den USA gesundheitsbedrohliche Menge an Zucker enthielten, in Deutschland aber nicht, würde auch niemand für ein Verbot dieser Kaugummi-Marke mit der Begründung eintreten, dass man sie ja im Ausland in der Originalversion erwerben bzw. selbst mit Zucker modifizieren und verstärken könne. Ein absurder Vergleich, vollkommen an den Haaren herbeigezogen - das ist mir klar. Dennoch ist er treffend. Denn nichts anderes wird hier versucht.

6. Außerdem möchten wir darauf hinweisen, dass in unserem Beitrag nicht über die Wirkung sog. Killerspiele diskutiert wurde. Wir haben nicht behauptet, dass Spieler, sog. „Ego-Shooter“, automatisch zu „Amokläufern“ würden oder auch im realen Leben zu den Waffen greifen.

Das wäre auch der absolute Gipfel gewesen. Ein Wort zu den Anführungsstrichen: ich verstehe nicht, nach welchen Methoden diese bei Panorama gesetzt werden. Im Gegensatz zu dem Kunst- und Kampfwort „Killerspiel“, das bewusst diffamierend und rufschädigend sein soll, existiert der Amokläufer wirklich; eine schmerzhafte Tatsache, aber wahr: in unserer Wohlstandsgesellschaft leben Menschen, die mit ihrem Leben so wenig klarkommen, dass sie meinen, ihr eigenes und das anderer beenden zu müssen. Anführungsstriche sind hier vollkommen fehl am Platz. Bei den „Killerspielen“ hingegen sind sie notwendig. Denn dieser Begriff ist nicht neutral und inhaltsfrei, sondern wertend. Negativ wertend.

Noch ein Wort zur Inhaltsangabe dieses Berichts:

Doch die Bundesjustizministerin Zypries hält die bisherigen Gesetze für ausreichend - auch wenn damit bislang kaum ein Spiel verboten wurde.

Der unbedarfte und nicht informierte Leser wird „kaum ein Spiel“ aller Wahrscheinlichkeit nach so interpretieren, wie es gewünscht ist: dass die deutschen Gesetze lasch sind. Dass die Spieleindustrie freie Bahn hat. Dass die deutsche Gesetzgebung nutzlos ist. All dies ist falsch, jedoch kann man niemandem zum Vorwurf machen, dass er das nicht weiß, wenn er von Medien derart manipuliert wird. Fakt ist: Deutschland hat das schärfste Jugendschutzgesetz weltweit, was großartig ist. Nicht großartig ist, dass diese hervorragende Einrichtung durch unwahre Aussagen in den Dreck gezogen wird – die USK leistet hervorragende Arbeit, wie die Liste indizierter Spiele eindrucksvoll beweist.

Jegliche Rechtschreibfehler der Panorama-Redaktion wurden in ihrem Ursprungszustand belassen. Die Kommentare zu dieser Stellungsnahme sind überaus lesenswert, ebenso der Kommentar der Gamestar.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass dieser Beitrag für das öffentlich-rechtliche Fernsehen mehr als peinlich war. Hetze, Meinungsmache, Falschaussagen. Die Zutaten für einen leckeren BILD-Cocktail. Leider nun auch bei der ARD erhältlich. Schade.