Direkt zum Hauptbereich

Torvalds und die GPL: ein Missverständnis

„Zuallererst weiß ich nicht, wie die GPLv3 aussehen wird. Ich wäre komplett verrückt, wenn ich eine nicht gesehene Lizenz für meinen Code akzeptieren würde“, sagte Torvalds dem Tech-Portal InformationWeek. Er hegt keine Abneigung gegenüber der GPL. Im Gegenteil. „Ich liebe die GPLv2“, so Torvalds. Sauer stößt ihm allerdings die Diskussion über einen möglichen Einsatz der kommenden Version der GPL (GPLv3) auf, die immer noch keine klare Form vorweisen kann. Laut Torvalds wurde der Kern absichtlich unter eine „GPLv2 only“-Lizenz gestellt, um Lizenzänderungen selbst bestimmen zu können und nicht von „der Güte anderer bei so wichtigen Sachen wie der Lizenz“ abhängig zu sein.

Ich muss ehrlich sagen: Ich verstehe Torvalds nicht. Wenn man seine Aussagen liest, hat man immer das Gefühl, dass die GPLv3 über Nacht entwickelt wurde und man ihm keine Möglichkeit gegeben hätte, mitzugestalten; als er sich ein anderes Mal geäußert hat, hegte er gar die Befürchtung, dass die GPLv3 in der damaligen Form den Interessen der großen FOSS-Firmen wie IBM widersprechen könnte, da mit der GPLv3 Softwarepatente bekämpft werden sollen.

Nun, dies ist nicht der Fall – es mag neu für Linus sein, aber der GPLv3-Entwicklungsprozess ist mitnichten ein FSF-Alleingang, ganz im Gegenteil: von allen großen FOSS-Firmen wirken Firmenanwälte mit, die mit Sicherheit rechtzeitig intervenieren würden, wenn die GPLv3 den Firmeninteressen zuwiderlaufen würde. Weiterhin war der GPLv3-Gestaltungsprozess von Anfang an Gemeinschaftsarbeit - er hätte zu Beginn seine Bedenken einbringen können und auch sinnvolle Argumente. Leider hat er keine sinnvollen Argumente, zumindest habe ich noch keine entdeckt.

Die GPL war niemals „nur eine Lizenz“, sondern schon immer eine politische Entscheidung. Die FSF und Stallmann haben immer mit offenen Karten gespielt: die FSF hat die Welt immer in »Gut und Böse« unterteilt: gut ist Freie Software, böse und schlecht proprietäre Software, mittlerweile gehört eben auch DRM zu den großen Bedrohungen.

Dass die GPLv3 hier eingreifen will, ist für mich selbstverständlich - alles andere wäre mehr als überraschend gewesen. Auch die Tatsache, dass die Samba-Entwickler das Microsoft-Novell-Abkommen verurteilen und die GPLv3 sehnsüchtig herbeiwünschen, ist meines Erachtens ein Zeichen dafür, dass Torvalds mit seiner Meinung der GPLv3 gegenüber relativ alleine dasteht; Torvalds ist ein Genie, keine Frage - aber offensichtlich hat er die Prinzipien, für die die FSF, die GPL und somit auch Linux stehen, noch nicht wirklich verinnerlicht. Ich war immer der Meinung, dass die Aussage „Software ist wie Sex besser, wenn sie frei (kostenlos) ist“, von Torvalds stammt – entweder ist das Blödsinn oder er hat es vergessen.

Ich bewundere Torvalds noch immer für seine Großzügigkeit, Linux der ganzen Menschheit zur Verfügung gestellt zu haben – seine Aussagen zur GPLv3 finde ich dennoch falsch. Da ich ihn jedoch für einen mehr als überdurchschnittlich intelligenten Menschen halte, bin ich recht zuversichtlich, dass er seine Aussagen nochmal überdenken wird.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Totale und geschützte Freiheit: GPL und BSD

Der Platzhirsch unter den Freie-Software-Lizenzen ist die GPL, die GNU General Public Licence. Sie wurde hauptsächtlich von Richard Stallman geschrieben, dem Gründer des GNU-Projekts, und kann ohne Übertreibung als „größter Hack in der Geschichte des Urheberrechts“ bezeichnet werden.

Die GPL hat das Ziel, so viel Software wie möglich zu Freier Software zu machen; die Entscheidung, die GPL zu verwenden, ist somit auch immer ein Stück weit ideologisch motiviert. Im Gegensatz zur GPL haben BSD-artige Lizenzen kein Copyleft; dies bedeutet, dass davon abgeleitete Software nicht unter der gleichen Lizenz stehen muss. GPL-geschützte Software hingegen macht jegliches Programm, das auf GPL-Quelltext zurückgreift, ebenfalls zu GPL-Software. Diese Eigenschaft wird von Microsoft gerne als „virusartig“ und Linux als „Krebsgeschwür“ beschrieben. Im Grunde genommen die übliche Mircosoft’sche FUD-Politik, die das Ziel hat, gezielt Fehlinformationen zu verstreuen und potenzielle Nutzer abzuschrecken. E…

Zur Zusammenarbeit von CDU und Linkspartei

Weil gerade auf Twitter einige CDU-Nachwuchspolitiker vor Kraft kaum mehr laufen können und rumproleten, dass es niemals auch nur irgendeine Zusammenarbeit zwischen CDU und Linkspartei gäbe, erlaube ich mir, auf einen schon etwas älteren Blog-Eintrag von Michael Neumann hinzuweisen:
In Zwickau sind Absprachen zwischen CDU und Linkspartei Alltag. So wurde der Zwickauer Bevölkerung in einer Zeitungsanzeige, in der die CDU gemeinsam mit der Linkspartei sowie der „AG Zwickau“ (Wählervereinigung) für die Streichung von zwei der fünf Beigeordnetenposten warb, mitgeteilt: „Diese drei Fraktionen vertreten (…) den überwiegenden politischen Willen und sind gemeinsam in der Lage, diesen in Beschlüsse münden zu lassen.“ (Wochenspiegel, 23.4.2008, FAZ, 10.6.2008).

In Cottbus kandidierte im Oktober 2006 der CDU-Politiker Holger Kelch unter dem Dach eines Wahlbündnisses mit der damaligen Linkspartei.PDS für das Amt des Oberbürgermeisters. Er verlor zwar gegen den Kandidaten der SPD, Frank Szymanski. D…

BADABOOM!