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Mittwoch, 13. Februar 2008

Deutschland, Deutsche und Türken

Nach dem tragischen Brand in Frankfurt, bei dem mehrere Menschen ums Leben kamen, wird erneut offensichtlich, dass wir in Deutschland noch weit davon entfernt sind, Gelassenheit im Umgang mit dem „Fremden“ zeigen zu können. Wie die pawlowschen Hunde kommen von allen Seiten die üblichen Verdächtigen angerannt und dreschen hohle Phrasen. Die Forderung des türkischen Ministerpräsidenten Erdogans, in Deutschland türkischsprachige Gymnasien und Universitäten einzurichten, wird entrüstet zurückgewiesen, die Leser von tendenziell konservativen Medien nehmen diese Forderung zum Anlass, den ganzen aufgestauten Wut rauszulassen und können diese „Meinungen“ dann auch noch einem weltweiten Publikum zur Verfügung stellen.

Deutschtürken, meist auch noch mit deutschem Pass, haben die gleichen Rechte und Pflichten wie jeder andere Deutsche auch. Es ist absurd zu verlangen, sie sollten ihre eigene Identität aufgeben und sich einer einer deutschen „Leitkultur“ anzupassen. So wenig wie man von einem Bayer verlangen würde, künftig doch bitte auf das Oktoberfest zu verzichten und dafür Kölsch zu trinken, so wenig kann man dies von türkischstämmigen Deutschen verlangen. Jeder Mensch hat ein Recht auf seine eigene kulturelle Identität. Dies gilt es zu respektieren.

Deutschland ist schon etliche Jahre ein Einwanderungsland. Deutschland profitierte und profitiert auch davon: ohne die italienischen und türkischen Gastarbeiter wäre der deutsche Aufschwung sicherlich nicht in diesem Maße verlaufen. Heute bereichern die türkische, italienische und griechische Lebensart die deutsche Kultur, besonders die Esskultur: man hat seinen Lieblingsitaliener, seinen Lieblingstürken, seinen Lieblingsgriechen. Es ist schön, Auswahl zu haben.

Es ist legitim, die Bindung zur Heimat nicht aufzugeben. Es gibt in der ganzen Welt deutsche Gemeinden, die dennoch vollständig akzeptiert sind, auch im großen Schmelztiegel Amerika. Warum sollte das für türkische Gemeinden in Deutschland anders sein? Selbstverständlich bedeutet Akzeptanz für andere nicht, hinzunehmen, dass gegen geltendes Recht verstoßen wird, doch das dürfte selbstverständlich sein und ist nicht der Rede wert. Es wäre gut für Deutschland, würde man die Debatte endlich offen, ehrlich und ideologiefrei führen; besser spät als nie. Deutschland ist ein Einwanderungsland und muss entsprechend handeln, Phrasendrescherei hilft nicht weiter.

Es tut gut zu lesen, dass sogar bei der konservativen „Welt“ für Meinungen wie die von Alan Posener Platz ist, der ganz ähnlich wie ich denkt:
In einem muslimischen Land wie Ägypten, wo es eine bedeutende christliche Minderheit gibt, gelten für die verschiedenen Religionsgemeinschaften verschiedene Regelungen in Sachen Eherecht; in Israel, wo es nicht einmal ein ziviles Eherecht gibt, ist es ähnlich. Übrigens fordert dort niemand die arabischen Bürger des Landes auf, sich zu assimilieren. Um es mit aller Deutlichkeit zu sagen: In keinem Staat der Erde haben die Staatsbürger das Recht, die Gesetze zu missachten. Daran denken auch weder Williams noch Erdogan. Aber kein Staat der Erde hat das Recht, von seinen Bürgern die Aufgabe ihrer kulturellen und religiösen Identität zu verlangen. Dass Minderheiten auf ihre Eigenheiten bestehen, einschließlich der engen Verbindung zur Heimat, ja auch des Nationalstolzes, ist ihr Menschenrecht.

Vielleicht schaffen wir es nun, das Visier hochzuklappen und mit anderen zu sprechen. Und nicht nur über andere.