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Sonntag, 17. Februar 2008

Die gierigen Reichen der Anne Will

Heute Abend treffen bei Anne Will mal wieder diverse Gegenpole aufeinander. Da wären zum einen Volker Kauder, Fraktionsvorsitzender der Union; Ottmar Schreiner, MdB der SPD; Dirk Niebel, Generalsekretär der FDP; Utz Claasen, ehemaliger Manager bei EnBW; Hans Lexendecker, Journalist und Spendenaffärenaufklärer; Dieter Ondracek, ehemaliger Steuerfahnder.

Das Thema der Sendung ist so reißerisch wie aktuell: „Die da oben: Wenn Reiche zu gierig werden“.

Was aber nun wird dabei herauskommen? Ich bin so frech und wage eine Prognose: nicht viel Neues. Ein paar aufgewärmte Allerweltsweisheiten, ein wenig moralische Entrüstung, gerechte Empörung und Rechtfertigungen seitens der Leistungsträger und deren Vertreter.

Zu Gast bei Anne Will. Konstruierter Gesprächsverlauf. Ein Versuch.

Anne Will: „Herzlich willkommen, schön, dass Sie alle kommen konnten. Das Thema der Sendung ist der aktuelle Steuerskandal, die Gier der Reichen und das Unverständnis der Armen.“

Ottmar Schreiner: „Es ist ein Skandal, was da vor sich geht. Da geht das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft doch verloren, wenn die Elite kein Maß kennt.“

Dirk Niebel: „Selbstverständlich ist es nicht richtig, was diese Menschen gemacht haben. Allerdings sollte man nicht außer Acht lassen, dass noch immer die Unschuldsvermutung gilt: noch wurde niemand einer Straftat überführt. Hinzu kommt: die Steuerlast in Deutschland ist so erdrückend, dass es lohnender ist, Steuern zu hinterziehen, trotz der hohen Strafen, statt sie einfach zu bezahlen. Wir brauchen niedrigere Steuern, dann lohnt es sich nicht mehr, Steuern zu hinterziehen und wir haben diese Probleme nicht.“

Ottmar Schreiner: „Unsinn, wir brauchen höhere Steuern und höhere Strafen!“

Dirk Niebel: „Totaler Blödsinn, Sie sind wohl bei Bsirske in die Lehre gegangen!“

Volker Kauder: „Die Menschen haben recht, erbost zu sein. Es ist ein Schlag ins Gesicht der ehrlichen Mittelständler, die ehrlich und aufrichtig ihre Steuern zahlen, wenn Leute, die noch mehr Geld haben, sich einfach davor drücken.“

Utz Claasen: „Man sollte sich davor hüten, nun pauschal Managerschelte zu betreiben. Über 90 Prozent aller Manager zahlen ihre Steuern so, wie es sich gehört. Hinzu kommt: im internationalen Vergleich sind die Löhne in Deutschland extrem niedrig im Vergleich zur Verantwortung und dem Arbeitspensum. Arbeit muss auch honoriert werden.“

Hans Lexendecker: „Dieser Skandal reiht sich ein in die großen Skandale der Vergangenheit. Es hat sich nichts geändert.“

Dieter Ondracek: „Steuerhinterziehung ist ein Volkssport, das Unrechtsbewusstsein fehlt völlig!“

Dirk Niebel: „Natürlich, weil die Steuern einfach viel zu hoch sind! Es ist doch nicht nachzuvollziehen, warum man über die Hälfte des Verdienstes an den Staat abliefern soll!“

Utz Claasen: „Richtig!“

Ottmar Schreiner: „Totaler Unsinn. Wer weniger Steuern zahlen will, kann ja gerne auswandern. In Deutschland jedenfalls gibt es die Soziale Marktwirtschaft, nur dieser verdanken wir unseren Wohlstand!“

Volker Kauder: „Und dem Mittelstand!“

Dieter Ondracek: „Volkssport Steuerhinterziehung, mehr muss man dazu nicht sagen! Wenn hier kein Umdenken einsetzt, geht Deutschland den Bach runter!“

Hans Lexendecker: „Diese Schwarzmalerei ist doch albern, Skandale gab es früher und gibt es heute, daran kann man nicht viel ändern.“

Dirk Niebel: „Falsch! Steuern runter, Wohlstand rauf!“

Ottmar Schreiner: „Abschreckung, die Losung heißt Abschreckung! Wer mal eine Nacht im Knast verbracht hat, überlegt es sich zweimal, ob man Steuern hinterziehen oder doch lieber zahlen will.“

Volker Kauder: „Und der Mittelstand? Was ist mit dem Mittelstand?“

Anne Will: „Also, nun müssen wir aber mal das Thema wechseln, was halten Sie eigentlich von den Präsidentschaftswahlen in Amerika? Wer wird es werden, Obama oder Clinton?“

Alle: „Hä?“

Danach geht man gemütlich gemeinsam zum nächsten Edel-Italiener und freut sich, mal wieder im Fernsehen gewesen zu sein. Der Zuschauer ist nicht klüger als zuvor, einer gemeinsamen Lösung ist man nicht näher gekommen, dafür sind die Quoten der ARD gestiegen. Und manch ein Zuschauer freut sich, dass die da oben auch nicht machen können, was sie wollen.