Navigation

Samstag, 10. Mai 2008

China, Tibet und der Dalai Lama

Ich finde es auf eine seltsame Art amüsant, wie führende Unions-Politiker Steinmeiner vorwerfen, er würde sich möglicherweise nicht mit dem Dalai Lama treffen. Ich kann es langsam nicht mehr hören, dieses ewige Gerede vom geknechteten Tibet, dieses Gefasel vom kulturellen Genozid an der tibetischen Kultur - warum eigentlich ist Tibet für Deutsche das heiligste aller Länder? Was unterscheidet Tibet von den anderen Regionen Chinas, denen es unter dem kommunistisch-turbokapitalistischen Regime Chinas auch nicht gerade gut geht und die teilweise auch lieber autark wären? Was soll diese Dalai-Lama-Geilheit, diese China-Besoffenheit, diese Buddhismus-Lobhudelei? Kein Wort von der wesentlich dramatischeren Situation der Menschen in Afrika, kein Wort davon, dass China Tibet wirtschaftlich vorangebracht hat. Das mysteriöse Tibet, unsagbar geheimnisvoll - und dann diese friedlichen Mönche mit ihren fremdartigen Kleidern, da verbietet sich doch gleich jegliche Kritik! Wann hat diese Tibet-Besessenheit ihren Anfang genommen? Mit Brad Pitts Film Sieben Jahre in Tibet? Noch früher und war der Film lediglich Ausdruck des Zeitgeistes?

Und dann diese elendigen Sonntagsreden: als änderte ein Olympia-Boykott auch nur irgendetwas. Als wären nicht ausschließlich die Sportler die Leidtragenden. Die Situation der Menschen in China könnte man ändern mit einem Wirtschaftsboykott, aber würde man sie zum Guten ändern? Wohl eher nicht. Überhaupt: man kann sich sicher sein, dass jeder Politiker, der auch nur entfernt etwas von Wirtschaftsboykott erzählt, das nur tut, weil er genau weiß, dass sich dafür nie und nimmer Mehrheiten finden werden - wer auf so eine unseriöse Art Politik betreibt, erhöht sich selbst moralisch auf Kosten anderer.

China braucht schlicht und ergreifend noch mehr Zeit auf dem Weg in die Moderne, das sollte man akzeptieren - China wird wachsen und die Menschen Chinas werden am Wohlstand nach und nach teilhaben. Und dann, irgendwann, entscheiden sich die Menschen im Reich der Mitte für die Demokratie, mit all ihren Stärken, mit all ihren Schwächen. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, wusste schon Bert Brecht.