Christian der II. bringt es in einem Kommentar beim A-Team auf den Punkt: Liberale/Libertäre sind, genau wie Kommunisten auch, ideologisch verblendet. Ihre Ideologien funktionieren vielleicht auf dem Papier, haben mit der Wirklichkeit aber nichts zu tun. Der Kommunismus russischer und chinesischer Prägung hat Millionen von Menschen das Leben gekostet. Kommunisten antworten darauf stereotyp, das sei ja kein richtiger Kommunismus gewesen. Die Theorien von Marx und Engels wären nicht korrekt umgesetzt worden. Der Fehler lag bei den Menschen, nicht an der Theorie.
Der Kapitalismus hat gesiegt. Doch die Liberallalas wollten mehr: der Staat ist in der liberalen Ideologie der Feind. Liberalisierung war das neue Zauberwort, die neue Wunderwaffe. Freiheit war nur noch die Freiheit des Marktes, die Freiheit des Eigentums. Nicht mehr die Freiheit des Menschen.

Die Folgen dieses wirtschaftsliberalen Gedankenguts sind offensichtlich: internationale Bankenkrise, der "böse Staat" muss die Ferrari-fahrende Geldelite bail-outen, weil sonst alles in die Brüche ginge. Doch statt in Sack und Asche zu gehen, reagieren Liberale und Libertäre ähnlich verschnupft wie die Kommunisten: das sei ja nicht die reine Lehre gewesen. Nur wenn die Ideen Hayeks zu 100% umgesetzt werden, könne die unsichtbare Hand walten und schalten und der freie Markt funktioniere.
Beiden Ideologien ist gemeinsam, dass sie auf dem Papier ganz nett klingen. Im Kommunismus ist es der Gemeinschaftsgedanke, der auf den ersten Blick wie eine tolle Idee aussieht, im Liberalismus ist es das Gegenteil davon: wer hat sich nicht schon einmal über eine unsinnige Vorschrift, eine unsinnige Regelung geärgert, wer hat nicht schon einmal über "den Staat" geschimpft?
Beiden Ideologien ist jedoch auch gemeinsam, dass sie nichts mit der Realität zu tun haben. Der Mensch ist ein soziales Wesen, der Staat, der ja nichts weiter ist als die äußere Form eines Zusammenschlusses von Menschen, kann deshalb nicht "der Feind" sein. Er kann jedoch auch nicht die Lösung für alle Probleme sein.
Beide Extreme sind genau das: extrem. Nette Gedankenspielchen, die man aber besser nicht umsetzen sollte. Da man sie nicht umsetzen kann. Die Bankenkrise hat das gezeigt. Hierzu passt der Kommentar von Robert von Heusinger in der gestrigen Frankfurter Rundschau:
Denn die Welt von morgen wird eine andere sein. Das ist der Preis dafür, dass Banken und Aktionäre nach dem Staat rufen, der es richten muss. Ziemlich sicher werden die Kosten der Regulierung immens sein, werden die Gewinne nie wieder so kräftig sprudeln. Weil die ganze Unternehmenspolitik konservativer werden wird, erzwungenermaßen. Die Verschuldung wird Grenzen unterliegen, aber auch die Löhne werden in dem neuen, sozialeren System wieder stärker steigen, weil die Macht der Aktionäre in die Schranken gewiesen wird.
Drei Jahrzehnte Bonanza am Aktienmarkt sind nun endgültig beendet. Auf Wiedersehen Eigenkapitalrenditen von 15 Prozent und mehr. Guten Tag Bescheidenheit.
18 x kommentiert:
Wegen dieser Krise bricht wohl kaum für Marktradikale eine Welt zusammen. Schließlich hatte dass, was da zusammenbricht, mit radikaler Marktwirtschaft ja nun wirklich nichts zu tun.
So richtig marktradikaler Liberalismus würde bedeuten: 0% Staat. Das konnte noch nie scheitern, weil es noch nie irgendwo ausprobiert wurde und ein Finanzsystem, dass gezwungenermaßen eine Währung nutzt, die von einer staatlichen Zentralbank nach eigenem Gutdünken mal wertvoller und mal wertloser gemacht wird, ist je nach Standpunkt was Gutes oder was Schlechtes, aber nicht marktradikal.
Die ideologische Verblendung der Sozialdemokraten (auch der in anderen Parteien) besteht offensichtlich darin, jede Krise in der Wirtschaft der Marktwirtschaft zuzuordnen, ganz gleich wie sehr die vorher von anderen Sozialdemokraten in irgendwelche regelnden Korsette gezwängt worden sind.
Jetzt habe ich dir deine Theorie wahrscheinlich sogar noch bewiesen. Aber es lässt sich relativ leicht nachweisen, dass ohne staatliche Eingriffe diese Wanderblase gar nicht entstanden wäre. Fanny und Freddy hat man mit staatlichen Garantien erst zu Marktführern gemacht, die die freien Unternehmen quasi zermalmt haben, und nun sind sie mit ihren Lockangeboten so sehr baden gegangen, dass ihr Gründer, nämlich der amerikanische Staat, sie mit vielen Milliarden über Wasser halten muss. Und so weiter und so fort - an welcher Stelle siehst du ihn denn da, den Marktradikalismus?
Herr Ackermann, auf den du vermutlich anspielst, ist auch nicht "der Markt", der um Hilfe gerufen hat. Herr Ackermann hat das Wohl seiner Bank im Kopf und was immer man von ihm halten mag, bisher macht er seine Sache besser als viele andere von seiner Sorte. Wie jeder Unternehmenslenker ist Herr Ackermann aber natürlich kein Marktradikaler, sondern ein Interessenvertreter für sein Unternehmen, mehr nicht. Darum ist er mit Sicherheit auch kein Liberaler, es sei denn, man ist ideologisch so verblendet, dass man denkt, liberale wären aus irgendwelchen verschwörungstheoretischen Gründen unternehmensfreundlich.
Im Gegensatz zum Libertarismus definiert sich doch der Liberalismus vor allem dadurch, dass er den Staat als nötig ansieht. Der Staat ist nicht "böse" aber er hat sich nicht in Dinge einzumischen, die ihn nichts angehen. Das ist es, worum es geht.
Was ist denn die Freiheit des Marktes, die Freiheit des Eigentums? Das beides als irgendwie böse und sogar noch als Gegenteil der Freiheit der Menschen hinzustellen liest sich für mich absurd. Was bringt mir meine Freiheit, wenn mein Eigentum und das Recht, zu kaufen und zu verkaufen was ich will, nicht mehr garantiert würden?
etzt habe ich dir deine Theorie wahrscheinlich sogar noch bewiesen.
Irgendwie schon, ja. :D
Wer Marx unterstellt, er hätte eine Ideologie begründet, der scheint selbst ideologisch verblendet zu sein.
"Unbemerkt bei dieser ganzen Bankenkrise-Problematik bricht wohl gerade für viele marktradikale Wirtschaftsliberale wie Guido Westerwelle eine Welt zusammen."
Äh? Unabhängig von der Frage, ob man Herrn Westerwelle als "Wirtschaftsliberalen" einordnen will (was ich für gewagt halte): Konsequente Liberale weisen schon seit langem darauf hin, dass die (staatssubventionierte und -regulierte) Blase platzen wird... da bricht nix zusammen, schon gar nicht die Welt - es werden vielmehr einige Befürchtungen bestätigt.
Liberale und Libertäre in einen Topf zu werfen ist nicht besser, als das mit Kommunisten und Sozialdemokraten zu tun. Das Libertäre einen ziemlichen Knall haben, zumindest die extremen, da sind wir uns einig.
Leider hab ich grad die Zeit nicht, um auf Deine Aspekte zur aktuellen Situation einzugehen, aber ich bin dezent anderer Meinung, wie Du Dir denken kannst ;)
Wer ernsthaft von sich behauptet ideologiefrei zu sein leidet entweder unter behandlungsbedürftigem Realittsverlust oder hat keine Meinung. Anderen "ideologische Verblendung" vorzuwerfen und damit zu implizieren man selbst hätte einen klaren Blick auf die Realität ist schlicht Hybris.
"Die" Realitaet?
Welche Realitaet?
Erwartest du jetzt eine metaphysische Abhandlung darüber was Realität ist?
"Die Verschuldung wird Grenzen unterliegen, aber auch die Löhne werden in dem neuen, sozialeren System wieder stärker steigen, weil die Macht der Aktionäre in die Schranken gewiesen wird. Auf Wiedersehen Eigenkapitalrenditen von 15 Prozent und mehr. Guten Tag Bescheidenheit."
Da kann ich nur heiser kichern, Christian, und ich hoffe nicht, dass Du davon wirklich überzeugt bist, was der Herr von Heusinger da schreibt. Bescheidenheit, davon gehe ich aus, wird bei anderen Leuten nötig sein als bei den Aktionären. Zum Beispiel bei den Opel-Arbeitern, die jetzt Kurzarbeit machen oder vielleicht gar bald entlassen werden. Bei den Arbeitnehmern, die die nächsten Tarifverhandlungen zu führen haben (die werden nämlich erst recht niedrig ausfallen müssen. Aber doch nicht bei den Aktionären. Pfft.
Wobei "der Aktionär" ja heutzutage so ziemlich jeder, also auch der kurzarbeitende Opel-Monteur ist, und sei es nur über seine in Fonds angelegte Riesterrente.
Mensch, Soeder, wann hast du das letzte mal so einen Müll verzapft. Seit wann ist denn Kommunismus eine Ideologie?! Der Realsozialismus war vielleicht eine Ideologie, jedenfalls war es nicht "der Kommunismus". Lenin hat den Sowjetsozialismus nach Engels "Anti-Dühring" bzw. nach der Deutschen Reichspost konzipiert, aber ganz sicher nicht nach dem marxschen "Kapital". Im Realsozialsmus wurden die Grundkategorien der bürgerlichen Gesellschaft (Ware, Geld, abstrakte Arbeit) überhaupt nicht ausgeschaltet. Bei Marx findet sich keine positive Bestimmung des Kommunismus, ganz einfach deshalb, weil man gar nicht im Kommunismus leben kann. Kommunismus ist vielmehr die "Bewegung die den bestehenden Zustand aufhebt", Ziel ist eine "befreite Gesellschaft". Das der Kapitalismus "gesiegt" hat bedeutet nur die Niederlage der Menschen.
"Ideologien haben nichts mit der Realität zu tun". Da sprichst du etwas Offensichtliches aus, ohne es selbst zu begreifen. Anscheinend vertrittst ndu die Meinung, die aktuelle Krise sei auf falsches Wirtschaften/falsche Politik zurückzuführen. Dahinter verbirgt sich die Ideologie, dass der Kapitalismus echt dufte wäre, wenn sich nur alle an die Regeln halten würden. Das ist die widerliche Ideologie sog. "geläuterter Sozialdemokraten", die das letze Übel der Welt in irgendwelchen "Heuschrecken" sehen. Krise und Elend gehören aber untrennbar zum Kapitalismus dazu, es gibt keinen "guten Kapitalismus". Schon allein deshalb ist es keine "Ideologie" an der Aufhebung des bestehenden Zustandes festzuhalten.
Seit wann ist denn Kommunismus eine Ideologie?!
Komische Frage, schon immer natürlich. :)
Nö, bei Marx ist das noch nicht der Fall. Allerhöchstens bei Sozialdemokraten. Noch irgendwas Substanzielles auf Lager?!
Vorschlag für einen neuen Wahlkampfslogan: "SPD - Für einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz!"
Krass, Pawlow siegt wieder. Was habe ich denn oben geschrieben? "Kommunisten antworten darauf stereotyp, das sei ja kein richtiger Kommunismus gewesen. Die Theorien von Marx und Engels wären nicht korrekt umgesetzt worden. Der Fehler lag bei den Menschen, nicht an der Theorie." Marx ist also Deiner Meinung nach dufte, wurde halt nur nicht richtig umgesetzt. Wie ärgerlich.
Und Du hast natürlich völlig recht: ursozialdemokratisch ist es, das Machbare zu verfolgen, um das Leben der Menschen heute zu verbessern. Und keine weltfremde "Weltrevolution" anzustreben. Das war spätestens seit Godesberg so, und ist heute noch immer so. Soviel Markt wie möglich, so viel Plan wie nötig. Es gilt, die Balance zu finden.
Die Verbreitung eines Verdikts sagt nichts über seine Richtigkeit/Falschheit. Natürlich war der Realsozialismus kein "Verein freier Menschen". Ich empfehle dir, mal nicht soviele Bücher über "das Lebensgefühl links" zu lesen, sondern vielleicht mal Robert Kurz "Der Kollaps der Modernisierung". Da kann man lernen was Realsozialismus und bürgerliche Gesellschaft gemein haben.
Generell wäre es sinnvoll Marx mal wirklich zu lesen, anstatt mit Halbwissen um sich zu werfen. Dann wüsstest du auch, dass sozialdemokratische Reformen reine Pyrrussiege sind.
Ob "Weltrevolution" weltfremd ist oder nicht, obliegt nicht mir zu entscheiden. Fakt ist, dass die Wiedersprüche der Bürgerlichen Gesellschafft nur mit der Abschaffung der kapitalistischen Wirtschaftsweise überwunden werden können. Die Erfolgsaussichten sagen nichts über die Richtigkeit eines Gedanken aus.
Im Übrigen ist nichts so weltfrem, wie die Vorstellung eines "menschenfreundlichen Kapitalismus".
Man kann nur Ignaz Kaufmann beipflichten: "Auf den ersten Blick, wenn man nach der äußern Form der Darstellung urteilt, ist Marx der größte Idealphilosoph, und zwar im deutschen, d.h. schlechten Sinn des Wortes. In der Tat aber ist er unendlich mehr Realist als alle seine Vorgänger im Geschäft der ökonomischen Kritik ... Man kann ihn in keiner Weise einen Idealisten nennen.
Apropos Kurz: Sein
"Schwarzbuch Kapitalismus" gibts inzwischen auch kostenlos als PDF (ca. 2,5mb).
Falls das Geld gerade knapp sein sollte ...
;-)
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