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Samstag, 1. November 2008

Finkeldeys Finanzballade

Vorhin beim Che entdeckt: die Finanzballade von Hartmut Finkeldey. Hat das Zeug zu einem modernen Klassiker.

1
Merkel, Steinbrück sind empört.
Jeder von den beiden schwört:
"Die Vorwürfe? Ganz ungerecht!
Heldisch ging es ins Gefecht,
gegen die Entfesslungswut
zeigten wir stets wahren Mut!"
Egal, dass sie Gesetze machten,
die den Märkten Freude brachten:
Derivate, Fonds, Verbrieftes,
ein geniales und gewieftes
Innovativ-Finanzprodukt.
Da hat man nicht genau geguckt.
Denn wenn im Ministerium
Externe sich ganz schwungvoll um
den Finanzmarkt kümmern, dann
sitzt da schon der rechte Mann.
Für das Ändern von Gesetzen,
die den Markt in Rausch versetzten,
will sich auch jetzt kein Finger regen:
"Wir waren immer schon dagegen!"

2
Der deutsche VWL-Prof mit
besorgter Miene, leisem Schritt
baut er sich vor der Presse auf,
klärt eloquent der Welten Lauf:
"Im Weltmarkt müssen wir bestehn.
Deutschland wird sonst untergehn.
Alternativlos gilt es drum:
Wir schmeißen alle Regeln um.
Die Arbeit hier ist viel zu teuer!
Senkt die Unternehmenssteuer!
Wenn der Finanzmarkt frank und frei,
ist für jeden was dabei.
Regulieren bringt kein´ Segen!"
Jetzt war er immer schon dagegen.

3
Die Bänker selber ahnen Schlimmes:
Boni und der Rettungsbimbes,
doppelt zocken, oh wie fein.
Wie schenkt man das dem Bürger ein?
Gibt zwar kein´ Grund, sich zu beklagen.
Nur darf man das nicht offen sagen.
Drum waren selbst die Bänker wegen
ihres Rufs ganz strikt dagegen.

4
"Reformen, das weiß jedes Schwein
sind hart und müssen leider sein.
Und überhaupt und sowieso,
im Grunde bin ich sogar froh:
Dass mans dem Stütze-Zocker jetzt
besorgt, das finde ich zuletzt
nicht mal so schlecht, im Gegenteil:
Versohlt dem mal das Hinterteil!
Ein-Euro-Jobs fürs Hartzer-Pack,
alle in den großen Sack.
Maßnahme und Sanktionsbescheid,
Schmarotzer tun mir niemals leid!"
So lallte es aus Bürgers Mund,
selbstgerecht... Auf einmal: Schwund!
Denn sein Depot steht jetzt im Regen,
und shortet, drum war er dagegen.

5
Künstler, Literatenszene,
wie wenn man sich nach Schönem sehne...
Ob Story-trash von Koks und Sex,
ob Zeichentründel, Traum und ex,
ob flauschig feine Ironie,
Mimesis und Mimikry,
Großstadtlifestyle, Partywahn,
"Eure Armut kotzt uns an!"
Ein zugekiffter Adabei:
Postmoderne Gaukelei.
Erst jetzt, wo der Kulturetat
zusammenschmilzt ist sie ihm nah,
die Krise, die er dumpf beschwiegen...
Der Künstler? Immer schon dagegen.