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Montag, 22. Dezember 2008

Moderne Kriege ohne Bodentruppen am Aufhänger Irak

Bei den Antibürokraten hat der von mir geschätzte joachim einen Beitrag geschrieben, dem ich leider ganz und gar nicht zustimmen kann. Meine Meinung deckt sich in diesem Fall ziemlich mit der von Björn und Rayson, die beide die Ansicht äußern, dass der Irakkrieg unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen begonnen wurde und somit kein gerechter Krieg, sofern es das bei Angriffskriegen geben kann, war:
Das ist aber das Spiel, dass der Krieg plötzlich ganz neue Zielpfosten erhält. Der Krieg wurde zu einem großen Teil in der jetzigen Form damit begründet, dass man unbedingt schnellstmöglich im Irak einmarschieren müsse um die Saddam-al-Quaida-Connection zu sprengen (und es ging dezidiert um die al-Quaida, nicht um Gelder an die Hezbollah o.ä.) und dass Saddam Biowaffen besessen habe, die innerhalb kürzester Zeit auch Mitteleuropa treffen könnten (Broder hat beispielsweise damals mal einen Text fabriziert, wo die Friedensdemonstranten von seiner Biowaffe auf dem Demoplatz hingerafft wurden).
Diese simple Herunterrechnung: “Kritik am Krieg ist illegitim, weil es unter Saddam ja auch schlimm war und ein fieser Diktator weg ist,” verkürzt die Debatte auf unstatthafte Weise. Weil es auch die Fragen ignoriert ob der Krieg in dieser Form hätte stattfinden müssen (keine klare Exit-Strategie, mit minimalem Kontigent rein wegen Rumsfelds Idee vom Krieg der Zukunft, in dem Bodentruppen sekundärrelevant sind) oder man Saddam hätte militärisch nicht anders hätte entgegen treten können.
Und weil es die Frage ignoriert, ob sich die USA nicht einen Bärendienst mit dieser Form der Kriegsvorbereitung (Powell vor dem Weltsicherheitsrat) geleistet haben, weil sie dadurch international unglaublich stark an Ansehen und Glaubwürdigkeit verloren haben. Und weil es es ein Mittel ist um beispielsweise die Fragen nach Abu Ghraib und den Folterpraktiken (siehe den Senatsbericht dieser Woche) zu bagatellisieren, denn unter Saddam war es ja schlimmer.
Ich möchte weiterhin noch etwas ergänzen, was eigentlich als Kommentar erfolgen sollte, aber erstens irgendwie nicht geklappt hat, und zweitens umfangreich genug für einen eigenen Beitrag in diesem Blog hier ist: einer meiner Dozenten ist/war bei der Schweizer Infanterie, und bei einem Gespräch hat er mich darauf gebracht, dass die totale Vernichtung der irakischen Armee in so unfassbar kurzer Zeit, ohne nennenswerte Verluste der anderen Seite, eine so unglaubliche Demütigung darstellte für das irakische Volk, dass ein Neuaufbau des Iraks allein schon dadurch erschwert wird. Die westliche Welt träumt ja immer von Kriegen ohne Opfern, Kriegen ohne Bodentruppen. Nur wenn da steht "Kriege ohne Opfer", dann ist gemeint: Kriege ohne westliche Opfer.

Aber so funktionierten Kriege in der Vergangenheit nicht, und sie funktionieren auch heute nicht so: denn statt der Soldaten starben Zivilisten durch (Streu)Bomben, nach dem Sieg hingegen ist das besiegte Land nicht befriedet, sondern unruhig. Mir scheint die ganze Problematik von fast ausschließlich aus der Luft geführten Kriegen noch nicht von der breiten Öffentlichkeit debattiert oder gar erkannt zu sein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand eine Kommission des amerikanischen Senats heraus, dass die massenhafte Bombardierung ziviler Ziele kriegstechnisch keinerlei Vorteile brachte, sondern eher Nachteile, da die Bevölkerung danach erhöhten Durchhaltewillen zeigte und Militär nicht nennenswert zerstört wurde.

Trotzdem wurde die Air Force 1947 eine eigenständige Teilstreitkraft - obwohl die Fliegerangriffe keinen Sinn hatten. Ergo: ohne Bodentruppen und ergo ohne eigene Verluste kann man keinen Krieg gewinnen und ein Land nicht befrieden. Die Mär vom Krieg ohne Opfer gehört schnellstens vergessen.

(Leider kein sehr weihnachtliches Thema.)